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Architektur in Halle: Heinrich Faller

Das 1926 bis 1929 errichtete Quartier Stadtgutweg war das erste große Bauprojekt der Kleinwohnungsbau AG mit Wohnungsgrößen zwischen 60 und 89 Quadratmetern.

Der Architekt Heinrich Faller war der bedeutendste Architekt des kommunalen Wohnungsbaus in Halle und der Kleinwohnungsbau Halle AG, der ersten kommunalen Wohnungsgesellschaft in der Stadt Halle.

Moderne: Architekt des kommunalen Wohnungsbaus in Halle

Dieser Teil der Serie über die in Halle wirkenden Architekten führt wieder in die Moderne. Sie ist derzeit in aller Munde. Das liegt am 100. Jubiläum des Bauhauses, das 1919 in Weimar gegründet wurde. Die Moderne ist in der Architekturgeschichte eine nicht scharf abgegrenzte Epoche. Sie umfasst verschiedene Strömungen wie Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Neues Bauen, Internationaler Stil und Funktionalismus.

Zeitlich wird die Moderne zwischen 1918 und in den 1930er Jahren gesetzt. In diesem Zeitraum wirkten auch Architekt Heinrich Faller und die kommunale Kleinwohnungsbau Halle AG. Der Bedarf an Wohnraum war groß: 1920 lebten in Halle 193 461 Menschen, rund 12 000 von ihnen waren auf Wohnungssuche. Nach 1918 war der Wohnungsmarkt auch zu einer kommunalen Aufgabe geworden; bereits kurz nach dem Krieg erhielt Halle sein erstes Wohnungsamt. Die sozialen Verhältnisse wurden immer wichtiger: In Halle entstanden die ersten Genossenschaften wie „Eigene Scholle“ und „Bauverein für Kleinwohnungen“. Ein Gesetz bestimmte schon damals, dass jeder Familie eine bezahlbare Wohnung zusteht.

Auch die Stadt Halle wollte nach 1918 Akteur am Wohnungsmarkt sein. Bis 1914 bereits hatte die Kommune dafür große Flächen angekauft. 1922 schließlich wurde die „Gemeinnützige Kleinwohnungsbau-Halle-Aktiengesellschaft“ gegründet. Im Gegensatz zu anderen kommunalen Wohnungsunternehmen deutscher Großstädte war die Kommune nicht der einzige Gesellschafter: Neben der Stadt, die Mehrheitseigner blieb, gehörten unter anderem die Halleschen Röhrenwerke, der Hallesche Bankverein, die Kefersteinsche Papierfabrik und die Riebeckschen Montanwerke zu den Gründungsgesellschaftern.

Hintergrund ist das sogenannte Kapitalabgabegesetz, das nach dem Weltkrieg die Unternehmen für den Wohnungsbau in die Pflicht nahm. Firmen mit über 20 Mitarbeitern mussten in Halle eine einmalige Abgabe von 3.160 Mark zahlen. Wer allerdings selbst Mittel zum Wohnungsbau für die eigenen Arbeiter einsetzte, wurde von der Zwangsabgabe befreit. Und: In Halle galt auch der Erwerb oder der Besitz von Aktien der neuen Gesellschaft als ausreichend, um von der Abgabe befreit zu werden. Im Gegenzug erhielten die Firmen das Anrecht auf eine bestimmte Anzahl von Wohnungen.

Stadtgutweg im Gesundbrunnen

Das 1926 bis 1929 errichtete Quartier Stadtgutweg war das erste große Bauprojekt der Kleinwohnungsbau AG. Die Siedlung steht in der Tradition der Gartenstadtbewegung. Dafür hatte man ein rund 16.000 Quadratmeter großes Areal gekauft. Den Architekturwettbewerb gewann Hermann Frede. Im Quartier entstanden vorwiegend Zwei- bis Dreiraumwohnungen mit Küche und Bad, teilweise mit Speisekammer. Die Wohnungsgrößen variierten zwischen 60 und 89 Quadratmetern.

Anfang Juni 1928 begann dann  die Erweiterung der Wohnanlage in südlicher Richtung. Kleinwohnungsbau-AG-Vorstand Heinrich Faller übernahm selbst die Planungen. Die neue Siedlung ist burgartig angeordnet. Ab 2006 hat Eigentümer HWG für 23 Millionen Euro den Originalzustand der Anlage, die seit 1999 im Verzeichnis der Kulturdenkmale Sachsen-Anhalts steht, weitestgehend wiederhergestellt.

Das 1926 bis 1929 errichtete Quartier Stadtgutweg war das erste große Bauprojekt der Kleinwohnungsbau AG mit Wohnungsgrößen zwischen 60 und 89 Quadratmetern.
Das 1926 bis 1929 errichtete Quartier Stadtgutweg war das erste große Bauprojekt der Kleinwohnungsbau AG mit Wohnungsgrößen zwischen 60 und 89 Quadratmetern.

Siedlung Vogelweide

Zwischen 1930 und 1932 ließ Heinrich Faller seine heute denkmalgeschützte Siedlung Vogelweide errichten, 13 Wohnblocks in Zeilenbauweise, zusammen 520 Kleinstwohnungen. Die Gebäude im Stil des Neuen Bauens kommen dem Bauhaus sehr nahe, konsequent sind sie auf Kuben reduziert und mit Flachdächern versehen. Fenster und Loggien sowie die schmalen Fensterbänder über den Türen oder die gesimsartigen Dachtraufen sind markant.

Die Fassaden sind hell verputzt, lediglich die Fenster und Türrahmen sind farblich akzentuiert. Von Block zu Block wechseln ihre Farben. Die Anlage ist 800 Meter lang, die Blöcke werden durch Pergolen miteinander verbunden. An den Ecken und in der Mitte der Häuserzeilen wurden Ladengeschäfte geplant.

Die Siedlung Vogelweide entstand zwischen 1930 und 1932 mit 13 Wohnblocks in Zeilenbauweise und insgesamt 520 Kleinstwohnungen.
Die Siedlung Vogelweide entstand zwischen 1930 und 1932 mit 13 Wohnblocks in Zeilenbauweise und insgesamt 520 Kleinstwohnungen.

Reilshof im Paulusviertel

Ebenfalls unter der Leitung von Heinrich Faller wurde in den 1930er-Jahren der Reilshof mit seinen damals 205 Wohnungen erbaut. Die Wohnsiedlung am Rande des Paulusviertels ist ein typisches Beispiel für den Siedlungswohnungsbau der Zeit. Das ebenfalls gartenstadtartig aufgelockerte Ensemble mit seinen drei- und viergeschossigen Putzbauten und Backsteinsockeln, farbigen Fensterrahmen und Balkonen zeigt Elemente des Bauhausstils sowie der Heimatschutzarchitektur. Auch diese Anlage ist denkmalgeschützt.

Bis 1935 bauten Heinrich Faller und die Kleinwohnungsbau AG genau 323 Häuser mit 2.190 Wohnungen. Doch obwohl in Halle bis 1930 die Wohnungsproduktion aller Unternehmen und Genossenschaften mit jährlich durchschnittlich 1 500 Wohnungen ihren Höhepunkt erreicht hatte, fehlten nach wie vor genügend Wohnangebote des kommunalen Wohnungsbaus in Halle.

Der Reilshof mit seinen damals 205 Wohnungen ist ein typisches Beispiel für den Siedlungswohnungsbau der 1930er Jahre.
Der Reilshof mit seinen damals 205 Wohnungen ist ein typisches Beispiel für den Siedlungswohnungsbau der 1930er Jahre.

Heinrich Faller (1895-1945)

Der Architekt Heinrich Faller war der bedeutendste Planer der Kleinwohnungsbau Halle AG, der ersten kommunalen Wohnungsgesellschaft in der Stadt Halle. Drei Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 1922 wurde Faller zum Vorstandsvorsitzenden des HWG-Vorgängers berufen.

Nach dem Studium in München, Darmstadt und Karlsruhe hatte der in Hainstadt am Main geborene Faller 1925 den Titel eines Regierungsbaumeisters erworben. Mitte 1926 trat er seinen Dienst im bekannten Architekturbüro Bruno Föhre in Halle (Saale) an. 1926 baute Faller in der Siedlung am Stadtgutweg neue Häuserzeilen und 1927 in der Damaschke-/Elsa-Brändström-Straße einen Block mit 13 Häusern.

Es war der Startschuss für insgesamt 73 Häuser mit 520 Wohnungen, die dort von der Kleinwohnungsbau AG errichtet wurden. Fast alle Wohnanlagen und Siedlungen der Kleinwohnungsbau Halle AG bis in die 1930er Jahre sind von Heinrich Faller geprägt. Der Architekt ist 1945 in Berlin gestorben.

Quellen:
1922 – 2012 Neun Jahrzehnte kommunaler Wohnungsbau in Halle. Eine Sonderausgabe der MIETERPOST, Hallesche Wohnungsgesellschaft mbH, 2012

https://www.moderne-halle.de – Stadt Halle (Saale), 2018

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